Die Bitterfelder Katastrophe

Eine für die DDR lange Zeit bestimmende Katastrophe ereignet sich am 11.7.1968 im Chemiekombinat in Bitterfeld. Sie ist bis dahin neben dem Grubenunglück am 22.Februar 1960 im damaligen Steinkohlebergwerk "Karl-Marx" in Zwickau, welches 123 Bergleuten das Leben kostete sowie dem Eisenbahnunglück 1967 in Langenweddingen, als ein Tanklastzug in einen vollbesetzten Zug raste, die schwerste Katastrophe ihrer Art nach 1945 in der DDR. Ausgelöst wird sie während des Schichtwechsels in der PVC-Produktion des Chemiekombinats Bitterfeld gegen 14.00 Uhr. In der Frühschicht wurden bei einem der 12 Autoklaven, in denen der Produktionsprozeß zum PVC innerhalb von 16 Stunden erfolgt, undichte Stellen entdeckt. Dies stellt normalerweise kein Problem dar, da sowieso bei Druckänderungen am Autoklaven das gasförmige Vinylchlorid immer einfach in den Raum abgelassen wird. So ist es auch am 11. Juli. Noch vor Schichtwechsel gelingt es nicht, die Undichtheit am Manometerflansch am Autoklaven 7 zu beseitigen. Der Autoklave, in dem bereits Vinylchlorid in großen Mengen eingeströmt ist, soll wieder vollständig entleert werden, um eine neue Dichtung im Manometerflansch einziehen zu können. Wie üblich, wird das explosionshaltige Gas einfach in die Produktionshalle abgelassen, eine Verfahrensweise, die häufig bei den Arbeitern wegen der narkotischen Wirkung des Vinylchlorid zu Bewusstseinsstörungen führt und gesundheitliche Schädigungen erzeugt. Zwar wird durch Hupen der Austritt von Vinylchlorid signalisiert, sogenannter "VC-Alarm", an diesem Tag ist die Konzentration des Gases jedoch so hoch, daß die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten ist. Um 14.02, die nächste Schicht konnte sich noch gar nicht auf die Arbeit einstellen, erschüttert eine gewaltige Detonation das Produktionsgelände und ganz Bitterfeld. Noch in Muldenstein, einem Ort etwa 6 km vom Explosionsort entfernt, zerbersten Fensterscheiben. Viele der 57 Arbeiter in der PVC-Produktionshalle sind sofort tot. Es herrscht Entsetzen. Über 200 Verletzte, viele davon schwer, müssen ärztlich versorgt werden. Die Detonationswelle walzt große Teile des Betriebes nieder. Aufgrund des weiterhin ausströmenden Vinylchlorid kann man 3 Tage lang nicht mit Schneidbrennern arbeiten, sondern muß sich mühevoll mit Händen und einfachen Geräten an die Opfer herantasten. Die Schäden, die bilanziert werden, sind enorm. 42 Menschen müssen sterben. 80 Millionen Mark direkter Sachschaden entsteht. Das Werk wird in Bitterfeld nicht wieder aufgebaut. Die Produktion wird nach Schkopau zum Kombinat Buna verlagert.