Zynischer Umgang mit einer Katastrophe

Am 9.08.1988 kommt es gegen 18.45 zu einem Großbrand in einer Lagerhalle für Rohstoffe zur Herstellung von Pflanzenschutzmitteln des Betriebsteils Hermania in Schönebeck an der Elbe. Die Lagerhalle ist zu dieser Zeit übervoll mit etwa 700 t Rohstoffen. So voll, daß es keine begehbaren Zwischenräume zwischen den Rohstoffstapeln mehr gibt. Der 9.8. 1988 ist ein heißer Tag. Noch am Abend sinkt die Quecksilbersäule nur wenig unter 30 Grad Celsius. Zwei Lagerarbeiter der Spätschicht entdecken auf einem der oberen Palettenstapel Rauch, der wenig später zu einer offenen Flamme wird. Die Feuerwehr kämpft vergebens gegen die Flammen, die Halle brennt innerhalb kürzester Zeit völlig nieder. Das Feuer läßt eine riesige schwarze Rauchwolke über dem Werk aufsteigen, sie driftet kurze Zeit später auf das Stadtgebiet Schönebeck und angrenzende Dörfer ab. Es entsteht starke Rauch- und Geruchsbelästigung. Angehörige der Feuerwehr und unbeteiligte Bürger müssen sich wegen akuter Atemwegsprobleme ärztlich behandeln lassen. Die Volkspolizei verkündet eilig über Lautsprecher, die Fenster zu schließen und die Wohnungen nicht zu verlassen.

Es gelangen 270 Kubikmeter Löschwasser, verseucht mit einem Chemikalienbrei aus Lenacil, Proximpham und Prometryn in die Elbe. Bei Proxipham handelt es sich um ein Gift der Klasse II nach DDR-Klassifizierung, alle anderen Chemikalien sind Wasserschadstoffe. Eifrig bemühen sich die Verantwortlichen der DDR, das Ereignis herunterzuspielen. In den Berichten der Staatssicherheit ist die Rede davon, daß die Schadstoffkonzentration in der Elbe noch unterhalb der Gefährdungsbereiche liege. Die Bevölkerung habe man umfangreich informiert. Auswirkungen würde allenfalls auf die Schädlingsbekämpfung zur Frühjahrsbestellung 1989 auftreten, da Schädlingsbekämpfungsmittel nun nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung stünden.

Literatur:

M. Zschiesche, Umweltunglücke in der DDR - Dokumentation vergessener Ereignisse, hrsg. Unabhängiges Institut für Umweltfragen e.V., -UfU-, Berlin 2001