UfU berichtet von draussen

Warum fahrt ihr nach Kopenhagen - und warum in der 1. Klasse?, werden wir von einem Reporter der TAZ im Zug gefragt. Wir sagen die üblichen Sachen und dass wir billiger fahren mit dem Dauerspezial. Der Zug ist bis oben hin voll. Auch bei uns im Gang wird für die ersten Sitzblockaden geprobt. Die meisten Leute wollen zum Klimaforum, der alternativen Veranstaltung vom Climate ActionNetwork und Climate Justice Now! Vom offiziellen COP15 Gipfel im Bella Center versprechen sich die meisten nicht sehr viel. Ihnen geht es darum Druck von unten auszuüben, für Klimagerechtigkeit, für eine bessere Welt oder für den Systemwechsel. „System change not climate change." Bei der Kapitalismuskritik scheiden sich die Geister, doch dass Wachstum und Ressourcenausbeutung so nicht weiter gehen können, da sind sich die meisten einig. Die meisten werden sich im Klimaforum in der Nähe vom Hauptbahnhof wiedertreffen. Dort kämpfen und diskutieren so unterschiedliche Gruppen wie Friends of the Earth, La ViaCampesina, Climate Action Now! und Engineers and Scientists for GlobalResponsibility für den Klimaschutz. Das Thema wird mit den verschiedensten sozialen Kämpfen in der Welt in Zusammenhang gebracht, wie Gerechtigkeit,politische Beteiligung, Wasser, Menschenrechte, Gender und Rassismus, um nur einige Beispiele zu nennen.

Auf dem ClimateAction Day am Samstag kommen alle zusammen. An die 100.000 Teilnehmer/innen beteiligen sich an der größten Demonstration in Kopenhagen. Sie ziehen  Richtung Bella Center, wo die offiziellen Klimaverhandlungen stattfinden. VieleDemonstrant/innen tragen hellgelbe Plakate mit Slogans wie „There is no PlanetB" „Bla...Bla...Bla Act Now!", die eine große NGO vorbereitet haben muss, denn es gibt tausende davon. Eher vereinzelt finden sich die Forderungen nach der Befreiung Tibets und Irans. Eine Marx-Statue wird getragen sowie drei Kopien der Freiheitsstatue. Dem Künstler geht es um die „Freiheit zu verschmutzen",eine Kritik des amerikanischen Lebens- und Konsumsstils. Neben solch offenem Anti-Amerikanismus wirken Plakate wie „Learn from Mother Nature" oder „Nature does no compromise" in ihrer Naivität beinahe harmlos. Im Einklang mit den Naturfreunden fordert eine Gruppe Veganer /innen dazu auf, kein Fleisch mehr zu essen, um das Klima zu retten. Auch Tierkostüme erfreuen sich besonderer Beliebtheit bei der Demo. Eisbären sind da, ein Drachen, zwei Kühe, ein Pferd und eine Gruppe Pandabären. „The world has spoken" erklärt eine Frau auf dem Podium. Wir seien 100.000 Demonstranten, behauptet sie. Doch selbst wenn wir 100.000 wären, dann ist das wohl nicht ganz „die Welt". Dann übernimmt eine Gruppe von acht ganz in grün angezogenen Animateuren das Podium. Einer der Animateure schlägt vor, wir sollten uns alle umarmen.  „Let´s have fun while we are doing this". Einige britische Aktivisten haben sich - diesem Motto folgend - als Emissionshändler verkleidet. In Anzügen und Kostümen ziehen sie durch die Demo und provozieren die Demonstrant/innen: „Klimawandel ist ein prima Geschäft" sagen sie und „geht doch mal arbeiten!" Ein Protestler versteht den Spaß nicht und spuckt einen Emissionshändler an.

Von den 100.000 Demonstrant/innen kommen nicht alle am Bella Center an. Präventiv und ohne irgendwelche Provokationen seitens der Demonstrant/innen nimmt die Polizei knapp 1000 Menschen in Gewahrsam und lässt sie stundenlang auf dem kalten Boden auf ihren Abtransport warten. Eine Aktivistin von Friends of theEarth spricht nach ihrer Entlassung nach sechs Stunden von „Folter". Wir bekommen von den Festnahmen nichts mit, weil wir weiter vorne mitgehen und die Inforrmation leider nicht weitergeleitet werden. Das wird auch am Abend auf der Peoples Assembly im Klimaforum kritisiert. Am nächsten Tag werden wieder 260 Aktivist/innen „vorbeugend" verhaftet. Diesmal sind wir beinah darunter, nur knapp entgehen wir einer Festnahme. Nun wollen verschiedene Betroffene den dänischen Staat beim internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag verklagen. Die Polizei beweist dagegen Humor. Einige der Busse, mit denen die präventiv Festgenommenen weggefahren werden, hat die Polizei weihnachtlich geschmückt. 

Der Protest gegen den Klimawandel wird zusehens auch zu einer Frage der Menschenrechte in Europa. Immer wieder wird auf der Strasse skandiert „Is this what democracy looks like?" Das fragen wir auch JiliangChen, unseren Partner aus China von der Heinrich-Böll Stiftung, der für die chinesischen NGOs die Verhandlungen im Bella Center beobachtet und sowohl drinnen als auch draußen agiert. Er und seine zwei Kolleginnen Han Yu und Xiaojing Fei vom Institute for Environment and Development in Beijing sind schockiert von den Bildern der Massenverhaftungen, die ohne Kommentar ins BellaCenter übertragen werden. Obwohl sie kaum Hoffnungen haben, dass diePolitiker/innen ein annehmbares Abkommen auf den Weg bringen, halten sie wenig von dem für Mittwoch angekündigten Gipfelsturm. Druck von der Straße finden sie aber wichtig und legitim. Trotzdem glaubt Jiliang Chen, dass die Komplexität globalen Wirtschaftens nur durch den Markt zu managen sei. Das gelte auch für den Klimaschutz, Mechanismen wie der Emissionshandel seien daher der richtige Weg. Es bedürfe allerdings einer besseren Regulation. Wir fragen ihn, ob Klimaschutz möglicherweise besser und demokratisch erreicht werden könnte. Im Gegensatz zu demokratischen Regierungen habe es die chinesische Regierung seiner Meinung nach relativ leicht, Gesetze zu verabschieden. Die Schwierigkeiten liegen in China darin, sie auch umzusetzen. Obama habe die Schwierigkeiten bereits in der Verabschiedung eines Klimagesetzes. Wenn es aber mal beschlossen sei, dann hätte es alle Beteiligten auch akzeptiert und es würde leichter umgesetzt.

Am Sonntag Abend wird im Klimaforum die Peoples Assembly mit einer Performance der lateinamerikanischen Bauernorganisation La Via Campesina eröffnet. Während die Bauernaktivist/innen mit Kerzen durch die verdunkelten Reihen ziehen, spricht eine Sprecherin eine Art spirituelle Predigt, in der sie die Kraft des Bodens und der Saat beschwört. Durch die Reihen werden Saatkörner weitergegeben. Die Philosophie von der Authentizität von Boden und Naturverbundenheit wird durch den Bezug auf Indigenität legitimiert. Dann kommt Tom auf die Bühne, „from the belly of the beast", den USA, wie er sagt. Er sei  ein Vertreter der nord-amerikanischen indigenen Bevölkerung. Seine Kapitalimuskritik formulier auch er über eine Romantisierung des Lebens der nord-amerikanischen Ureinwohner. Im Publikum kommt das gut an, Fragen oder Kritik gibt es nicht. Die Widersprüche treten aber dennoch zu Tage, als nach den Indigenen, Ökologen und Feministinnen sprechen. Man teilt die Kritik des Kapitalismus, doch mit durchaus unterschiedlichen Perspektiven. Ein Film wird gezeigt: indigene Frauen irgendwo in Lateinamerika verbringen vier Stunden pro Tag damit, Wasser zubesorgen. Dies wird mit dem Leben von Frauen in der Stadt kontrastiert, wo das Wasser aus dem Hahn kommt. Unterentwicklung würde Frauen härter treffen,scheint der Film sagen zu wollen. Dann kommt wieder jemand auf die Bühne, der das traditionelle Leben als das authentische beschreibt. Später wird der Resolutionstext des Klimaforums vorgestellt. „System Change not Climate Change"steht darüber und man fordert, zum Beispiel, die vollständigen Verzicht auf fossile Brennstoffe innerhalb von 30 Jahren. Auch wir haben für UfU unterschrieben. Adressiert werden Regierungen, Industrie und die UN Klimaschutz Konferenz (UNFCCC). Die Entwicklungsländer sollen „Reparationen" erhalten. Der Markt und Technologien seien nicht die Lösung, heißt es weiter. Die Systemkritik bleibt in der Resolution allerdings eher inhärent, kommt über eine Verurteilung von Neoliberalismus und Globalisierung nicht wirklich hinaus.

Meike Rathgeber, Iken Draeger und Fabian Frenzel