17. April 2019

Christof Tannert und Reinhard Piechocki haben das UfU gegründet. Christof Tannert ist nun am 12. April im Alter von 73 Jahren in Berlin verstorben. Wir verlieren mit Christof einen Freund, Visionär, Ermunterer, einen Menschen, der Soziales und Ökologisches immer zusammen dachte und der sich auch nach dem frühen Ausscheiden aus dem UfU im Januar 1991 für UfU stark machte. Die Gründung des UfU, rief er mir noch vor einigen Tagen zu, war eines der besten Dinge in seinem Leben. Nun ist es an uns, seine Gedanken in Erinnerung zu behalten und ihm so ein ehrendes Andenken zu schaffen.

Die Monate zwischen Herbst 1989 und dem 3. Oktober 1990 waren so ereignisreich wie sonst mehrere Jahre. Es galt, ein neues Institut aufzubauen, was hieß, alles gleichzeitig zu tun: Konzepte zu entwickeln, Personal einzustellen, Projekte abzuarbeiten und nahezu täglich Presseanfragen zu beantworten etc. Und das alles bei sich ständig verändernden Rahmenbedingungen. Im März 1990 wurde das UfU nach dem Vorbild des Ökoinstituts West noch unter der Voraussetzung der Zweistaatlichkeit gegründet. Im Sommer 1990 wurden durch die Währungsunion die eingeworbenen finanziellen Polster mit einem Schlag halbiert und somit die Arbeitsfähigkeit der eigenen Projekte stark beschränkt. Im Herbst 1990 sah sich das UfU plötzlich einer Phalanx aus neu gegründeten, staatlich finanzierten Umwelteinrichtungen in Ostdeutschland gegenüber, wie dem Umweltforschungszentrum Leipzig (UFZ) oder dem Institut für Ökologische Raumentwicklung (IFÖR) in Dresden.  Christof erkannte schnell, dass im Westen hochrangige Kontakte und Netzwerke wichtig sind. Nach einem kurzen Intermezzo als Geschäftsführer bei Greenpeace Ostdeutschland ging er zu Beginn des Jahres 1991 für die SPD in die Politik, zunächst ins Berliner Abgeordnetenhaus und dann für zwei Legislaturperioden nach Brüssel ins EU-Parlament. In diesen Funktionen kümmerte er sich immer auch um sein UfU-Institut. Ich erinnere mich noch an einen Besuch beim damaligen Umweltminister des Landes Berlin, Volker Hassemer, CDU, im Sommer 1991, den Christof vom UfU überzeugen wollte und an das Einwerben einer Studie zu den Potentialen von Erneuerbare Energien im Land Brandenburg, die schließlich von unserem ehemaligen UfU-Kollegen Hartmut Oswald erarbeitet wurde.

Christof versuchte auch unter den sich nach 1990 dramatisch verschlechternden Bedingungen im Vergleich zu den Monaten im Herbst 1989 Ruhe zu bewahren und pragmatisch dem UfU das Überleben zu sichern und gleichzeitig seine Einzigartigkeit zu bewahren und zu entwickeln. Es war vor allem Christof, der mit dem UfU das herkömmliche Wissenschaftssystem im Umweltschutz angreifen wollte. Ihm war das vordergründig nur auf das analytische Messen beschränkte Beschreiben der Umweltverschmutzung ohne die Einbeziehung der Menschen ein Graus. Er setzte auch nicht auf den Staat, sondern auf die Mündigkeit der BürgerInnen. Umweltschutz bedeutete für ihn auch nicht Technikfixiertheit, sondern Aufklärung der Massen und die Entwicklung des Umweltbewusstseins. Durch das Schaffen von Projekten, die die Einbeziehung der Menschen in den Schutz der Umwelt erforderlich machten, sollte zugleich die Bewusstseinsbildung der Beteiligten gelingen. Ob mit Hilfe von Bioindikatoren wie dem Saprobiensystem die Wasserqualität zu ermitteln oder mittels Flechten die Luftqualität zu verbessern – solche Ansätze und Projekte, und zwar flächendeckend für ganz Ostdeutschland, schwebten ihm für das UfU vor.

In Ansätzen ist dieser Gedanke von Christof im UfU auch gelungen und immer lebendig geblieben und spiegelt sich beispielsweise im Monitoring mittels Flechtenkartierung in Sachsen-Anhalt durch Peter Scholz, im Fifty-Fifty Modell zum Energiesparen an Schulen in Berlin, das er sehr mochte, oder in der Beteiligung von BürgerInnen in Planungsverfahren wider, die noch heute bestimmende Projekte des UfUs darstellen. Das UfU setzt im Kern auf Umweltverhalten, auf das Überzeugen und auf mündige Menschen, nicht in erster Linie auf Veränderungen durch technische Lösungen.

Christof wird dem UfU fehlen, als Vordenker, als kritischer Geist. Er hat auch in Zeiten, in denen er sah, das UfU kommt auf die Beine und stabilisiert sich, immer hohe Ansprüche formuliert, gegen Selbstgenügsamkeit und bloßes Geldverdienen mittels Projekte. Er wollte, dass UfU eine führende angewandt wissenschaftliche Einrichtung im sozial-ökologischen Spektrum in ganz Deutschland ist.  Er formulierte es mir gegenüber vor Jahren so: Am Ende wird man sich immer fragen, was die Einzigartigkeit des Instituts ausmacht, auf welchem Gebiet es Inhalte besetzt, die nicht hinwegzudenken sind.

Der Wikipedia-Eintrag zu Christof enthält einige interessante Aspekte seines Lebens und Schaffens. Auch seine Romane und Kriminalgeschichten: https://de.wikipedia.org/wiki/Christof_Tannert

Michael Zschiesche