22. Oktober 2015

Im Robert-Havemann-Saal (Haus der Demokratie und Menschenrechte) fand am 7. Oktober 2015 die Veranstaltung „Politische Utopien in der DDR – Große Transformation und Kapitalismuskritik heute“ statt. Tatkräftige Unterstützung bekam das UfU von der Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte, die sich als Mitveranstalter auswies. Für die ad Hoc Unterstützung durch das Haus der Demokratie war das UfU sehr dankbar. Ebenso  möchten wir den Referent_innen sowie allen Teilnehmer_innen für ihr Engagement im Rahmen des Workshops danken. Den Auftakt am 07. Oktober, gab Dr. Michael Zschiesche (UfU) mit einleitenden Worten zur Entstehung der Veranstaltungsidee und Einordnung in den Kontext der Arbeit des Unabhängigen Instituts für Umweltfragen.

Block: Vortragsreihe

Dr. Alexander Amberger (Utopieforscher, Helle Panke) eröffnete anschließend den Vortragsteil der Veranstaltung mit seinem Beitrag über die Definition von (politischer) Utopie und ihrer Rolle für Systemkritiker in der DDR. Vor dem Hintergrund seines Buches „Bahro – Harich – Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR“ (Ferdinand Schöningh Verlag 2014) referierte Alexander Amberger neben einem generellen Überblick über das Verständnis von Utopie und politischen Utopien vor allem über die jeweiligen Utopie-Werke dieser DDR-Dissidenten. Er umriss ihre konkreten Inhalte, schilderte die politischen und gesellschaftlichen Umstände unter denen sie erschienen bzw. geschrieben wurden und regte die Zuhörerschaft zur selbstständigen Lektüre an. Der SED-Widersacher Wolfgang Harich proklamierte in seinem Werk „Kommunismus ohne Wachstum?“ eine Ökodiktatur; Rudolf Bahro beschreibt in „Die Alternative“ seine Vision eines ökologischen Kommunismus, der gegen den Industrialismus durch eine intellektuelle Kulturrevolution aufgebaut werden würde; in seinem Werk „Morgen“ vertritt schließlich der langjährige SED-Multifunktionär und überzeugte Naturwissenschaftler Robert Havemann einen demokratischen Sozialismus als Zukunftsgebilde. Die genannten Werke sind in gut sortierten Antiquariaten oder über das Internet zu beziehen.

Den zweiten Vortragsteil bestritten Larissa Donges und Lukas Nicolaisen von der Naturfreundejugend Deutschland über die Entstehung von konkreten Transformationskonzepten und ihre heutige Ausgestaltung und Umsetzung in Zeiten der globalen Zusammenhänge und Krisen. Sie schlugen dabei einen Bogen von Karl Polanyis „The Great Transformation“ (1944) über die zeitgenössischen Transformationskonzepte von WBGU, Transformation 3.0 und „Transition“ bis hin zu konkreten Projektbeispielen der Naturfreunde Jugendarbeit und konnten so die Rolle der praktischen Bildungsarbeit in diesem Kontext verdeutlichen. Für einen gelungenen und abwechslungsreichen Abschluss des ersten Blocks sorgten die Mitglieder der Interventionistischen Linken (IL).  Die drei Aktivisten der IL berichteten im Rahmen eines selbst geführten Interviews über ihre Politisierung nach der Vereinigung, Bezüge zur DDR und ihrem Verständnis von politischer Utopie und der Rolle von Zivilgesellschaft. Sie stellten fest, dass politische Utopien gegenwärtig eher einen geringen Stellenwert einnehmen. Mitunter tauchen sie in Form von Erinnerungen z.B. an ihr Scheitern in der DDR auf dem Weg hin zu der von ihnen anvisierten antikapitalistischen Form von Produktion und Reproduktion auf. Das Vortragskonzept sowie die Beiträge der IL-Referenten stellten eine passende Ergänzung zu den übrigen Referaten dar und forderten die Teilnehmer_innen für den anschließenden zweiten Block heraus

Block: Gruppenarbeit (Theorie und Praxis)

Der Block am Nachmittag teilte die Teilnehmer_innen in zwei Arbeitsgruppen. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich im Rahmen von „Utopie und Praxis“ mit der gesellschaftlichen Bedeutung und Reichweite von alternativen Lebenskonzepten einerseits und der Bedeutung von politischer Utopie und Transformationskonzepten für systemkritischen Aktivismus andererseits. Es wurde im Rahmen der ersten Debatte viel über Kollektivismus und die Rolle von aktiven linken Gruppierungen für die Gesellschaft gesprochen. Dabei wurde vor allem erkannt, dass Bildungsarbeit enorm wichtig und innerhalb der Bewegung zu stark vernachlässigt würde. Es sei darüber hinaus wichtig, Schnittstellen zwischen kollektivem Handeln sowie alternativen Konzepten von Produktion und Reproduktion auf der einen und kapitalgesellschaftlichen Systemkomponenten (kapitalistische Verwertung, Lohnarbeit, soziale/politische Hierarchien, festes Werteverständnis, Individualismus) auf der anderen Seite zu erkennen und aktiv aufzubauen; nicht um erstere anzupassen, sondern vielmehr um letzteren einem Wandel zu unterziehen. Wichtige Schlagwörter waren außerdem die Vernetzung bestehender Denkfabriken, Kooperativen und Gruppen, die Bedeutsamkeit ihrer Außenwirkung (Stichwort: Ausgrenzung) und die Abkehr von der „Elendsgesellschaft“ als Voraussetzung für Veränderung. Im etwas dünner besetzten zweiten Teil der Gruppenarbeit wurde dann die Rolle der politische Utopie als Denk- und Handlungsanstoß diskutiert und festgestellt, dass Utopiegedanken eher als Wunschvorstellungen unterbewusst die praktische Arbeit begleiten können. Allerdings würden, so einige Stimmen in der Runde, aus ihr keine konkreten Handlungsanleitungen folgen und dieser Mangel mache das Utopiekonzept schwer greifbar für die praktische Arbeit. Andererseits wurde bemerkt, dass derartige Gedankenspiele durchaus eine Rolle für die eigene Motivation und Vorstellungskraft spielen könne.

Die zweite Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit Utopietheorie zur Transformation. Dabei wurde bereits kontrovers diskutiert, ob es überhaupt einer Utopie bedürfe um auf die gesellschaftliche Transformation hinzuwirken. Einigen konnte man sich darauf, dass es einer Verständigung über eine andere Gesellschaft bedürfe, um alle Menschen mitzunehmen – jedoch so konkret wie möglich, nicht abstrakt. Die Arbeitsgruppe setzte sich weiterhin mit Stellschrauben auseinander, die zu einer anderen Gesellschaft führen könnten. Kritisch diskutiert wurden vor diesem Hintergrund technische Errungenschaften, die einerseits hilfreich sein könnten in den „planetaren Leitplanken“ (Große Transformation, WBGU) zu bleiben, andererseits immer auch eine Machbarkeit vorgaukelten, wo klarer Verzicht auf Konsum etc. die einzige haltbare Lösung wäre. Der Wissenschaft wurde eine zentrale Rolle für die Transformation zugeschrieben – einerseits z.B. mittels gesellschaftlich verfügbarer Forschungsergebnisse (offene Patente) und auch für den gesamten Transformationsprozess als Monitoring- und Steuerungselement. Einigkeit bestand weiter darin, dass Kooperation und Bündnisse dem Wettbewerb vorzuziehen seien. Desweiteren wurde über kleine Hegemonieverschiebungen mittels Interventionen und Widerständigkeit berichtet, die kleine transformative Inseln im kapitalistischen System darstellen und als Beginn einer Bottom up Bewegung gesehen werden könnten. Ausführlich diskutierte die Arbeitsgruppe verschiedene Szenarien von Umbrüchen – graduell oder komplett, intern motiviert oder extern aufgezwungen.
Als Grenzen und Hindernisse der Transformation wurden z.B.

  • Besitzverhältnisse
  • Technologiegläubigkeit (insbesondere zum Thema Vereinbarkeit des ökologischen Fußabdrucks und Gerechtigkeit und Wohlstand für alle)
  • Friktionen von eigenen Bedürfnissen und nötigem Wandel (Widersprüchlichkeit selbst bei Aktivisten)

benannt. Auch eine schwache Aufstellung der linken und ökologischen Organisationen hinsichtlich Systemwandel wurde bedauert. Als Grundaufgabe bleibt die ständige kritische Reflexion der Widersprüchlichkeit des eigenen Handelns / Engagements.