UfU-Informationen | Ausgabe 15 – Mai 2026 | Cindy Prager & Jonas Rüffer
Energetische Gebäudesanierung verstehen und umsetzen
Wie Eigentümer*innen besser informiert und unterstützt werden können
Deutschland bleiben noch 19 Jahre, um die Transformation hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft zu verwirklichen. Und auch wenn die Erreichung dieses Ziels von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher erscheint, gibt es auf zivilgesellschaftlicher Ebene weiterhin zahlreiche Initiativen, der klimaneutralen Gesellschaft näher zu kommen und die Transformation in den verschiedenen Sektoren voranzutreiben. Einer dieser Sektoren ist der Gebäudesektor.
Der Gebäudesektor in Deutschland
Um den deutschen Gebäudesektor in Hinblick auf seine Transformation zur Klimaneutralität zu betrachten, muss zuvor definiert werden, wie dieser Sektor ausgestaltet ist.
Je nach Berechnungsgrundlage macht der deutsche Gebäudesektor 15–28 Prozent der CO₂-Emissionen aus. Dabei wird zwischen dem Quellprinzip und dem Verursacherprinzip unterschieden: Rechnet man nach dem sogenannten Quellprinzip, wird nur die Verbrennung von Brennstoffen in Wohn- und Nichtwohngebäuden als Ausgangspunkt genommen. Damit käme der Gebäudesektor auf ca. 15 Prozent Anteil an den gesamtdeutschen Emissionen [1]. Werden die Emissionen aus dem verbrauchten Strom für diese Gebäude und auch für die Fernwärmeversorgung hinzugerechnet, dann steigt der Anteil des Gebäudesektors auf 28 Prozent [2].
Entwicklung der Gesamtemissionen nach KSG-Sektoren [3]

Das Besondere am Gebäudesektor ist seine Heterogenität. In Deutschland gibt es über 40 Millionen Gebäude. Der Sektor ist also zerstückelt in Millionen von Eigentümer*innen mit Gebäuden, die unterschiedlichen Zwecken dienen, unterschiedliche bauliche Voraussetzungen haben und unterschiedlichen Normen und Gesetzen unterliegen. Grob unterscheiden kann man zwischen Wohngebäuden und Nichtwohngebäuden (Bürogebäude, Fabrikhallen, Bahnhöfe, Museen etc.).
Zur ersten Gruppe zählen in Deutschland 19.719.256 Wohngebäude (ca. 43 Mio. Wohnungen) im Bestand [4]. Wohngebäude sind für die Betrachtung von Treibhausgasbilanzen im Gebäudesektor besonders relevant. Denn sie werden beheizt. Tatsächlich ist das winterliche Beheizen von Wohnungen in Deutschland ein massiver Treiber der schlechten CO₂-Bilanz in Deutschland. Zentral für unsere Betrachtung ist deswegen die sogenannte Wärmewende, also die Transformation der Wärmeversorgung in Deutschland.
Hinzu kommen noch ca. 21 Millionen Nichtwohngebäude, von denen allerdings nur ca. 2 Millionen Gebäude in die Treibhausgasbilanz und Wärmewende einberechnet werden (siehe Kasten).
Möchte man also den Gebäudesektor in Deutschland transformieren, steht man vor der Herausforderung, zwischen den zahlreichen Gebäudetypen und ihren Eigentümergruppen zu unterscheiden. Industrieanlagen haben andere Sanierungsanforderungen als Wohnungen; Rathäuser und Schulen befinden sich in öffentlicher Hand und verursachen einen anderen administrativen Aufwand als Gebäude im Privatbesitz. Dementsprechend ist es notwendig, Gebäude nach ihrer Nutzung und Eigentümerschaft zu klassifizieren. Im Folgenden betrachten wir die Gruppe der Eigentümer*innen von privaten Wohngebäuden und Wohnungen.
Private Wohngebäude – Eine Herausforderung für die Transformation
Private Wohngebäude sind in Bezug auf die Transformation zur Klimaneutralität eine besondere Herausforderung. Die Sanierungsquoten sind in dieser Gruppe durchgehend niedrig und haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Und auch hier fällt sofort die Heterogenität dieser Gruppe auf. Millionen von Eigentümer*innen mit unterschiedlichen Rechtsformen (bspw. Genossenschaften, WEG, Miteigentümergemeinschaften), finanziellen Möglichkeiten, sozialer Herkunft und Alter, die Gebäude mit unterschiedlichsten baulichen Voraussetzungen besitzen. Vor diesem Hintergrund stellt sich also die zentrale Frage: Warum handeln private Gebäudeeigentümer*innen trotz vorhandener technischer und finanzieller Instrumente so zögerlich und was muss getan werden, damit diese Gruppe besser erreicht wird und mehr private Wohngebäude saniert werden? Genau diese Frage untersuchte unser Forschungsprojekt building-dialogue.
Es gibt ca. 21 Millionen Nichtwohngebäude in Deutschland, von denen allerdings nicht alle in die Treibhausgasbilanz eingerechnet werden.5 Diese reichen von einfachen Garagen über Büro- und Verwaltungsgebäude, Kirchen und Schulen bis zu Industrieanlagen.
Der Einbezug von Nichtwohngebäuden in eine Analyse der Treibhausgasbilanz ist etwas schwieriger, denn ein Großteil der Nichtwohngebäude sind „thermisch nicht konditionierte Nichtwohngebäude“. Umgangssprachlich bedeutet das: Nur ein Teil der Nichtwohngebäude (bspw. Schulen oder Büros) wird beheizt und fällt deswegen unter das Gebäudeenergiegesetz. Ungefähr 2 Millionen Nichtwohngebäude gelten als wirklich thermisch relevant. Hinzu kommen allerdings ca. 4 Millionen Nichtwohngebäude, die zwar thermisch relevant sind, aber nicht unter das Gebäudeenergiegesetz fallen, weil sie unter eine Sonderkategorie fallen. Ein Beispiel sind Kirchen.6
Projekt Building Dialogue: Gebäudeenergiewende im Dialog mit der Gesellschaft
Das Projekt Building Dialogue hatte die Aufgabe zu untersuchen, welchen konkreten Informationsbedarf private Eigentümer*innen bzgl. der Sanierung ihres Wohngebäudes haben und welche Formate dazu geeignet sind, die Sanierungspraxis zu beschleunigen. Durchgeführt wurde building-dialogue von einem interdisziplinären Konsortium, unter der Leitung des Reiner Lemoine Instituts (RLI), bestehend aus dem UfU, dem Institut für ökologische Wirtschafts-forschung (IöW) und der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie Landesverband Berlin Brandenburg e. V. (DGS). Es wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Es kombinierte sozialwissenschaftliche Analysen mit der praktischen Erprobung von Dialogformaten. Methodisch stützt sich die Untersuchung auf qualitative Interviews mit privaten Gebäudeeigentümer*innen, Energieberater*innen, kommunalen Akteur*innen und Multiplikator*innen sowie auf die begleitende Evaluation realer Veranstaltungsformate wie Messen, Stadt- und Klimafeste, ein Webinar und einen kommunalen Themenabend.
Ziel war es, bestehende Informationsdefizite zu identifizieren und zu verstehen, wie Informationen vermittelt werden sollten, damit sie handlungsrelevant werden und zu tatsächlichen Sanierungsentscheidungen beitragen.
Das Informationsgefälle behindert die Entscheidung
Die Projektergebnisse zeigen, dass die Zurückhaltung gegenüber energetischen Sanierungen nicht ausschließlich auf grundsätzliche Ablehnung zurückzuführen ist, sondern vor allem auf Orientierungslosigkeit und Unsicherheit. Die technischen Lösungen zur Reduktion von Energieverbrauch und Emissionen sind längst verfügbar – etwa Wärmedämmung, die Nutzung erneuerbarer Energien und modernerer Heizsysteme. Was fehlt, ist das Wissen über richtiges Vorgehen und die eigenen Möglichkeiten. Vor allem ältere Eigentümer*innen sind mit Fragen konfrontiert, was den Wert ihres Hauses erhält, und ob sich die Investition in z. B. ländlichen Gegenden lohnt. Viele Eigentümer*innen fühlen sich mit der Komplexität des Themas überfordert. Besonders häufig genannt werden Unsicherheiten hinsichtlich geeigneter Technologien (z. B. Wärmepumpen), der richtigen Reihenfolge von Maßnahmen, der finanziellen Belastung sowie der Förderbedingungen. Hinzu kommt ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber kommerziellen Beratungsangeboten, ausgelöst durch ein Informationsgefälle zwischen Eigentümer*in und beratendem Dienstleister. Der Wissensvorsprung des Dienstleisters ist gegenüber dem der Eigentümer*innen in vielen Fällen derart groß, dass Eigentümer*innen nicht richtig einordnen können, ob bestimmte Empfehlungen tatsächlich sinnvoll und logisch sind und auch ihren Bedürfnissen entsprechen. Mehrere Befragte berichteten, dass sie frühere Energieberatungen als schwer verständlich oder nicht ausreichend auf ihre individuelle Situation zugeschnitten wahrgenommen haben. Statt eines Mangels an Motivation zeigt sich somit ein Mangel an verlässlichem, verständlichem und unabhängigem Orientierungswissen. Denn auch gesetzliche Änderungen und politische Kampagnen werden als verunsichernd wahrgenommen. Dialogformate, die an die Zielgruppe der privaten Eigentümer*innen gerichtet sind, müssen das auffangen. Eigentümer*innen wünschen sich eine strukturierte Einordnung, die Antworten auf praktische Kernfragen liefert: Was ist für mein Gebäude sinnvoll? Was kostet es? Wie kann ich die Sanierung fördern lassen? Was bringt es? Lohnt sich das? Was ist der konkrete nächste Schritt?
Online-Tools voranbringen
Um Wissensstand und Selbstvertrauen bei Eigentümer*innen zu fördern, sind digitale Berechnungstools sinnvoll. Sie können komplexe energetische und finanzielle Zusammenhänge verständlich aufbereiten und ermöglichen Eigentümer*innen, erste eigene Berechnungen durchzuführen. In der Praxis sind sie jedoch oft nicht bekannt, sodass ihr Potenzial nicht ausgeschöpft wird. In unserem Projekt wurde daher ein grundlegender Wegweiser erstellt, welcher schrittweise Informationen zu verschiedenen Maßnahmen, Förderungen und rechtlichen Rahmenbedingungen bündelt. Dieser Wegweiser ermöglicht es, sich grundlegend auf Energieberatungen vorzubereiten, und ist als Vorstufe, vor der Anwendung von Online-Berechnungstools zu verstehen. Er ermöglicht Eigentümer*innen, sich erst einmal grundsätzlich mit der Materie vertraut zu machen und danach weitere Berechnungen anzustellen.
Dialogformate als Schlüssel zur Sanierungspraxis
Die wichtigste Erkenntnis im Projekt war jedoch der Bedarf an Dialogformaten für Eigentümer*innen. Veranstaltungen und Diskussionsabende, die individuelle Fragen zulassen und den komplexen Sachverhalt der Sanierung für Eigentümer*innen einordnen, wurden als zentrale Anforderung geäußert. Die Formate sollen konkrete nächste Schritte aufzeigen, Raum für Austausch schaffen und durch unabhängige Expert*innen begleitet werden. An dieser Stelle entsteht eine Aufgabe für Kommunen. Soll der Sanierungsstand des privaten Gebäudebestands in der eigenen Kommune vorangetrieben werden und auch begleitend zur kommunalen Wärmeplanung, besteht die Aufgabe, solche Dialogformate anzubieten. Mehrere Befragte äußerten zudem den Wunsch nach einer zentralen Ansprechperson in der eigenen Kommune. Praxiswissen sollte innerhalb der Kommune systematisch geteilt werden, damit einzelne Eigentümer*innen Aufgaben nicht mehrfach parallel bearbeiten müssen, sondern voneinander lernen und von bestehenden Erfahrungen profitieren können. Werden Informationsangebote an den realen Entscheidungslogiken privater Eigentümer*innen ausgerichtet, können Unsicherheiten reduziert und Sanierungsprozesse wirksam angestoßen werden. Damit wird deutlich, dass die Wärmewende im Gebäudebereich nicht nur eine technische, sondern vor allem eine soziale und kommunikative Herausforderung ist.

Der Online-Wegweiser zu unserem Projekt ist hier zu finden:
https://building-dialogue.rl-institut.de/
Quellen aus dem Artikel zur energetischen Gebäudesanierung
- Bierwirth, Anja; Kaselofsky, Jan (bpb, 2025): Klimaneutrale Gebäude – mehr als „nur“ Null-Emissionen
- Ebd.
- UBA (2025): Klimaziele bis 2030 erreichbar. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Abgerufen von: https://www. umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/ klimaziele-bis-2030-erreichbar
- Deutsche Energie-Agentur (Hrsg.) (dena, 2026): DENA-GEBÄUDEREPORT 2026. Zahlen, Daten, Fakten zum Klimaschutz im Gebäudebestand
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2024): Datenbank schließt Wissenslücke über Nichtwohngebäude
- Bischof, Julian & Hoerner, Michael & Rodenfels, Markus. (2024). Gesamtstruktur des deutschen Nichtwohngebäudebestands – GEG-relevante Nichtwohngebäude, differenziert nach Unterkategorien, gering bzw. nicht konditionierten Gebäuden. 10.13140/RG.2.2.25164.83845.


